Renten versprechen im gegenwärtigen Zinsumfeld kein attraktives Einkommen, sagt Vermögensverwalter Andreas Enke. Anleger könnten aber auf Mikrofinanz-Kredite ausweichen. Diese versprächen zumindest etwas Zins und liefern geleichzeitig eine soziale Rendite.
Die Rendite von Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit scheint im negativen Bereich festgezurrt zu sein. So richtig viel dürfte sich daran in den nächsten Monaten nicht ändern. Die herrschende Rezession und die „Zinsmanipulation“ der Europäischen Zentralbank (EZB) sollten dafür sorgen, dass die Zinsen weiter tief gedrückt bleiben.
Erst vergangene Woche hat die EZB nachgelegt und ihr Kaufprogramm für Anleihen von 750 auf 1350 Milliarden Euro aufgestockt. Die amerikanische Notenbank Fed will sogar unbegrenzt Wertpapiere kaufen. In diesem Umfeld ist mit soliden Anleihen
kaum Staat zu machen. Nur Anleger, die auf der Risikoleiter hochklettern, ergattern noch halbwegs ansehnliche Zins-Niveaus. Doch High Yields sind angesichts der hohen Ausfallwahrscheinlichkeiten nicht unbedingt jedermanns Sache.
Ein bisschen Zinsen plus soziale Rendite
In diesem Umfeld kommen Mikrofinanz-Kredite als Alternative infrage. Als Investitionsvehikel bieten sich Mikrofinanzfonds an. Diese verfügen über eine finanzielle und eine soziale Komponente. In finanzieller Hinsicht bedeuten Mikrofinanzfonds eine ausgezeichnete Diversifizierung im Depot, denn sie reagieren auf ganz andere Einflüsse als klassische Aktien- oder Rentenfonds. Beispielsweise hat der KCD Mikrofinanzfonds III der Bank im Bistum Essen während des Corona-Crashs kaum nach unten reagiert.
Tatsächlich sind diese Fonds vor allem davon abhängig, ob die vergebenen Kredite bedient und zurückgezahlt werden. Und hier ist die Zahlungsmoral außerordentlich hoch: 96 bis 98 Prozent beträgt die Rückzahlungsrate der Kleinunternehmer. Das wird möglich über die engmaschige Betreuung der Kreditnehmer*innen durch die Kundenberater*innen sowie im Falle von Gruppenkrediten die gemeinschaftliche Haftung der Gruppe. Aufgrund der Ausschüttungen, die über viele Jahre bei ein bis zwei Prozent per
annum lagen, stellen Mikrofinanzfonds beim heutigen Zinsniveau einen tollen Ersatz zu Rentenfonds oder Anleihen dar. Dazu kommt noch die soziale Komponente. Der Kreditgeber beziehungsweise Käufer von Mikrofinanzfonds hilft Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern, sich eine wirtschaftliche Existenz aufzubauen.
Oikocredit, die das Thema über Genossenschaftsanteile als Geldanlage angeht, meint dazu: „Wir wissen, dass ein großer Teil der Anleger*innen auch und vor allem wegen der sozialen Rendite und nicht in erster Linie wegen des Geldes investiert.“
Keine schnelle Mark
Wichtig für Anleger ist, dass sie einen gewissen Anlagehorizont mitbringen. Spürbare Gewinne in nur kurzer Zeit sind mit Mikrofinanzfonds sicherlich nicht zu machen. Oikocredit rät zu mindestens ein oder zwei Jahren Haltedauer. Das Unternehmen
bezeichnet sich selbst als einen der ältesten Anbieter für nachhaltige Geldanlagen. Die Genossenschaft wurde 1975 auf Initiative des Weltrats der Kirchen gegründet, ursprünglich als Rücklagemöglichkeit für Rücklagen kirchlicher Institutionen. Schon
bald wurde auch eine Möglichkeit für Privatleute geschaffen, sich an Oikocredit zu beteiligen. Ein konkreter Unterschied für die Anleger ist, dass sie Mitglied in einem der sieben deutschen Förderkreise werden müssen, um Geld anzulegen. Die Geldanlagen
werden treuhänderisch verwaltet und zu 100 Prozent an Oikocredit International weitergeleitet, die gemeinsam mit Büros in den Ländern vor Ort das eigentliche Kreditgeschäft tätigt.
Die Schattenseiten
Natürlich gibt es auch Nachteile von Mikrofinanzfonds oder entsprechenden Genossenschaftsanteilen. Auch sie unterliegen wirtschaftlichen und politischen Risiken. Dazu zählen aktuell die Corona-Pandemie, die Heuschreckenplage in Ostafrika oder totalitäre Regime, um nur einige zu nennen. Vor diesem Hintergrund ist auf eine breite Streuung der vergebenen Kredite zu achten. Oikocredit arbeitet zum Beispiel mit fast 700 Partnerorganisationen in derzeit mehr als 60 Ländern zusammen. Außerdem gibt es immer wieder Kritik an den Zinsen. Mikrofinanz-Produkte liefern in der Regel Renditen im Bereich von ein bis zwei Prozent pro Jahr. Die Kreditnehmer müssen dagegen deutliche höhere Zinsen, im weltweiten Durchschnitt mehr als 30 Prozent zahlen. Diese Differenz resultiert daraus, dass das Geschäft extrem kleinteilig ist. Es werden Tausende Mini-Darlehen zum Kauf eines Fahrrads, einer Nähmaschine oder einer Kühltruhe vergeben. Zudem leben die Kreditnehmer häufig
in abgelegenen Gegenden, was den Aufwand zusätzlich erhöht.
Dennoch sind Mikrofinanzfonds oder entsprechende Genossenschaftsanteile gut für Investoren geeignet, denen angesichts der allgemeinen Volatilitäten eine weitgehend
stabile Verzinsung von ein bis zwei Prozent pro Jahr reicht. Und dazu kommt ja noch die erwähnte soziale Rendite
Über den Autor:Andreas Enke zählt zu den Inhabern und Vorständen der Vermögensverwaltung Geneon
Vermögensmanagement. Der Diplom-Kaufmann verfügt über mehr als 20 Jahre
Berufserfahrung in der Beratung vermögender Privat- und Geschäftskunden bei
verschiedenen Großbanken.