Nachdem es in Deutschland wahrscheinlich an die 80 Millionen Fußball-Bundestrainer gibt, gibt es nun auch noch eine erhebliche Zahl von Virologen. Seien wir ehrlich: Die aktuelle Pandemie ist kaum einzuschätzen. Fest steht offenbar nur eins: Bevor es einen Impfstoff in ausreichenden Dosen gibt, wird keine Normalität einkehren können. Das wird laut Experten nicht vor 2021 der Fall sein.
Zwar scheint kurzfristig die Lage im Griff, aber Fachleute wie der Virologe der Berliner Charité, Christian Drosten, warnen bereits vor einer zweiten Welle von Neuinfektionen, weil die Lockerungen möglicherweise zu früh kamen. Damit besteht das große Risiko, das Infektionsgeschehen erneut auf ein kritisches Level zu heben - mit der Folge, dass mindestens Teile der Lockerungen wieder eingeschränkt werden. Psychologisch und wirtschaftlich wäre das für die Menschen fatal.
Trotzdem ist das Infektionsgeschehen in anderen europäischen Ländern bisher eher kritischer verlaufen als in Deutschland. Die Lage in den USA ist aufgrund der späten Reaktion der Regierung von Präsident Donald Trump sehr von der Reaktion der einzelnen Gouverneure abhängig - mit einer entsprechenden Spreizung des Ausbruchsgeschehens. Hier kommt erschwerend der „Kampf“ von Trump gegen die demokratisch geführten Bundesstaaten hinzu: Via Twitter rief er dazu auf, die Bundesstaaten Minnesota, Michigan und Virginia zu „befreien“. Das war ein weiterer verbaler Amoklauf. Aus alledem folgt, dass eine kurzfristige komplette Öffnung des wirtschaftlichen und sozialen Lebens nicht vertretbar erscheint, weder in Deutschland noch in den anderen Industrieländern.
Eher schwache Erholung
In der Produktion erlauben umfangreiche Hygienemaßnahmen und Abstandhalten nur einen sehr behutsamen Start. Beispielsweise fährt Volkswagen sein Werk in Zwickau erst einmal im Ein-Schicht-Betrieb mit nur Teilen der Belegschaft hoch. Die verschiedenen Geschwindigkeiten vor allem in den einzelnen Euro-Staaten führen bei internationalen Liefer- und Produktionsketten zusätzlich zu Problemen.
Geschäfte mit maximal 800 Quadratmetern können unter Beschränkungen wieder öffnen. Aber die Konsumstimmung ist aufgrund von Einkommensausfällen in vielen Teilen der Bevölkerung eingebrochen. Das hat sich schon vor der Öffnung gezeigt. Denn auch im Online-Handel lief das Gros der Shops währen der Krise eher schlecht. Während Lebensmittel und Hygieneartikel oder Spielzeug und Videos-on-Demand boomten, lief es bei der Mehrheit der Internet-Shops eher mau. Beispielsweise machte der eigentlich beliebte Modehändler Zalando durch eine Gewinnwarnung auf sich aufmerksam.
Die konkreten wirtschaftlichen Folgen der Pandemie sind noch nicht ansatzweise zu beziffern. Aufgrund der Tiefe und der Dauer der Einschnitte ist im Zweifel auch durchaus mit dauerhaften, strukturellen Schäden in der Wirtschaft zu rechnen, die eine Erholung auf Vorkrisenniveau zunächst unmöglich machen würden. Auch ohne große strukturelle Schäden gehen Experten davon aus, dass wir zwei bis drei Jahre brauchen werden, um das wirtschaftliche Vorkrisenniveau wieder zu erreichen. Gleichzeitig steigt das Verschuldungsniveau insgesamt in nie dagewesene Höhen. Insbesondere in Europa droht durch die Vielzahl der sehr unterschiedlich aufgestellten Einzelstaaten hier nach der Krise Ungemach. Der Streit um sogenannte Corona-Bonds ist bereits im vollen Gang.
Bärenmarkt-Rally wahrscheinlich
Was wir bisher an den Aktienbörsen gesehen haben, ist die erste Schockreaktion des Marktes sowie eine durch die Rettungsaktionen der Notenbanken und Regierungen eingeleitete „Erleichterungswelle“. Dabei dürfte es sich um eine Bärenmarkt-Rally handeln oder gehandelt haben. Denn ein echtes Einpreisen der wirtschaftlichen Folgen kann derzeit noch gar nicht vorgenommen werden, da genau diese noch nicht sichtbar sind. Die Pandemie läuft schließlich noch mit all ihren Unwägbarkeiten und möglichen Zweit- und Drittrunden-Effekten.
Die jüngsten Unternehmensergebnisse sind allerdings mehr als ernüchternd. Beispielsweise ist bei Daimler im ersten Quartal der Gewinn um 78 Prozent eingebrochen. Auch die amerikanischen Banken, die zuvor noch glänzend verdient hatten, verzeichneten bis auf sehr wenige Ausnahmen massiv erodierende Q1-Ergebnisse.
Bei den Konjunkturindikatoren sieht es nicht besser aus. Der Ifo-Geschäftsklimaindex ist im April von 85,9 auf nur noch 74,3 Punkte abgestürzt. Dies sei der niedrigste jemals gemessene Wert, so die Konjunkturforscher. Gleichzeitig ist die Erwartungshaltung der Unternehmen für die kommenden Monate so pessimistisch wie noch nie. Und zum Ölpreis fehlen einem mittlerweile die Worte. Auch wenn er als Konjunkturindikator nur bedingt taugt und derzeit auch technische Faktoren eine Rolle spielen, sind die Signale, die der Preis für Öl sendet, verheerend.
Unternehmensgewinne brechen ein
Renommierte Adressen gehen derzeit von einem Rückgang der Gewinne je Aktie in allen Indizes von durchschnittlich bis zu 50 Prozent aus. Zum Vergleich: Der Dax liegt seit seinem Hoch vom Februar 25 Prozent im Minus. Damit schnellen die KGV-Bewertungen auf eine Höhe, die momentan eigentlich niemand bereit ist, zu zahlen. Daraus dürften neuerliche Kursrückgänge folgen.
Es passiert gerade etwas, was noch nie dagewesen ist. Ein Vergleich mit der Finanzkrise 2008 oder sogar der großen Depression ab 1929 klingt eingängig und verspricht Aufmerksamkeit. Er wird aber dadurch, dass man ihn ständig wiederholt, nicht unbedingt richtig. Die Wirksamkeit der bekannten Krisen-Instrumente auf diese neuartige Herausforderung ist ungewiss.
Unsere im Februar getroffene Entscheidung, die Aktienbestände in unserem Aktienfonds abzusichern, hat daher unverändert Bestand. Die derzeitigen Risiken und der nicht vorherzusagende wirtschaftliche Gesamtschaden werden im Bewertungsniveau der Märkte aus unserer Sicht nicht angemessen eingepreist. Die Unsicherheit überwiegt weit mehr und lässt aus unserer Sicht keine Kursgewinne auf dieser Basis wahrscheinlich werden. Aufgrund der Unsicherheit rechnen wir eher mit erneuten Kursrückgängen und raten dazu, Aktienquoten abzusichern.
Über den Autor:
Mark-Uwe Falkenhain verfügt über rund 30 Jahre Erfahrung bei der Beratung vermögender Privat- und Geschäftskunden. Nach verschiedenen Stationen bei deutschen und internationalen Großbanken ist er seit zwölf Jahren als Vorstand bei der Vermögensverwaltung Geneon tätig.